Leben

9
Jun
2013

...

Während das herbstliche Morgengrauen sich langsam hinter dem dichten Grauschleier dieses verregneten Sonntag am Himmel hoch-schiebt warte ich im Zustand des Halbschlafes darauf einschlafen zu können.
Ich hatte wieder einmal zu heftig gelebt, die Nacht zum Tag gemacht.
Der letzte Absacker wollte keine Wirkung zeigen, genauso wie seine nicht genauer zu beziffernde Vorgänger.
Ein Paradoxon, doch es war ein dieser Nächte -wo- Du mehr verträgst als sonst in einem Monat zusammen.


Dieses Leben schwingt erst richtig wenn man es lebt.
Bestimmt.
Und so wunderte mich meine Unfähigkeit einzuschlafen nicht wirklich.
Die Nacht ist noch bei mir.
So lass ich den Versuch im Bett zu liegen, verspürte etwas Hunger und wanderte durch das Haus
Draußen wurde dieses morgendliche graue Dämmerlicht intensiver und der Regen nieselte in den Morgen.
Das Fenster im Treppenhaus bot einen freien Blick auf die Straße und ich fühlte mich herrlich unbekümmert und frei.
Der Kater maunzt mich wie üblich bei Regen an.
Er macht wie immer den großen Dosenöffner für das Wetter verantwortlich.
Alle Versuche ihm das Gegenteil begreiflich zu machen waren bisher gescheitert.
So ließ ich meinen Standartsatz los und sagte zu ihm dass in seinem nächsten Leben bestimmt alles ein bisschen schlechter sein wird wenn er immer so unzufrieden seinen Unmut äußert.
Ihn interessiert das nicht wirklich und nur das vertraute Klicken des Dosenöffnungsmechanismus der Katzenfutterdose lässt ihn verstummen und wie wild schlängelt er sich daraufhin an meinen Beinen umher während ich ihm den Futternapf fülle.

Das Leben ist gut, sagt er darauf hin- auf katzisch, was nur ich hören und verstehen kann und auch nur wenn ich in diesem morgendlich durchgemachten Zustand bin.
Während ich im Wohnzimmer ein paar Nüsse und ein paar Scheiben trockenes Weißbrot in mich rein stecke, weiß ich dass er Recht hat.
Eigentlich ist er eine weise Katze.
So unterhalten wir uns noch eine Weile auf katzisch, der Kater ist beruhigt und satt und wir philosophieren noch ein bisschen über Sinn und Zweck der ganzen biochemischen Veranstaltung unseres Daseins und kommen im Endeffekt auf den gemeinsamen Nenner das gerade wir beide es richtig machen und ein wirklich großes Leben, leben.
Der Kater kennt sich da aus, einige seiner Artgenossen sind das ganze Leben in einer Wohnung gefangen.
Sie wissen nichts von da draußen.
Denken nur in diesen Wänden und wissen nicht wie der frische Wind der Wagnis, Neuerung und Leidenschaft des Lebens riecht.
Sicherlich Hunger müssen sie nicht erleiden ,sagt der Kater ,aber es wäre für ihn unvorstellbar, ein so kleines Leben zu leben und nur der Sicherheit halber auf alles jenes zu verzichten was das Leben lebenswert macht.
Ich stimme ihm in allen Punkten zu und blättere durch das Fotoalbum der Erinnerung meines Lebens.
Einfach habe ich mir es nicht gemacht und gerade die steinigen steilen Wege habe ich oft verflucht und mich selbst einen Narren geschimpft.
Am Ziel angekommen war es immer der richtige Weg gewesen, auch wenn noch so harte Schicksalsschläge, Verletzungen und Enttäuschungen ,ein manchmal zu oft gefühlter Wegbegleiter war.
Der Kater stimmt mir wortlos durch ein Nicken bei.
Seine Kampfnarben von der letzten Vollmondnacht sind auf dem Weg bestens zu verheilen.
Wieso er sich immer so erbarmungslos prügeln muss?
Er selbst beantwortet die Frage, dass es in der Natur seines Lebens liegt.
Es ist und bleibt ein Kampf, weiß er zu berichten.
Außerdem wäre alles andere zu langweilig und ein kleines Leben wie die klein-geistigen Kleindenker die lebenslang hinter der Scheibe hocken käme für Ihn ja so und so überhaupt nicht in Frage.
Wir stellen noch fest dass wir beide bestens zueinander passen….. und der Hund der das ganze Gespräch scheinbar schlafend in seinem Körbchen mitgehört hat gibt einen tiefen Seufzer von sich und dreht sich noch mal um, um einfach weiterzuschlafen.

„Ja, wir passen zusammen“ sagt der Kater.
Wir sind beide viel draußen und geben uns nichts in Schonung.
So erzählt mir an diesem Morgen der Kater von der Kunst zu leben und ich bin sogar ein bisschen überrascht das seine positive Grundeinstellung so voller Optimismus und Zuversicht ist ,obwohl er mich immer so nervend an maunzt wenn es mal regnet.
Auch die schlechte Laune gehört zu einem lebenswerten Leben, denn immer nur zufrieden und glücklich wäre auch kein XXL-Leben, bestenfalls ein kleines vielleicht schmerzfreies, langweiliges Leben.
Und auch da gebe ich ihm Recht schließlich kann es niemand besser wissen als eine Katze. Die haben immerhin sieben Leben.
Reichlich Erfahrung sozusagen.

So sitze ich nun ziemlich platt auf der Sofa-Couch.
Die nächtliche Umstellung auf die Winterzeit suggeriert mir zwar ,dass es noch gar nicht so spät ist wie ich meine und der Kater und ich gehe gemeinschaftlich ans Fenster um zu schauen ob es immer noch regnet und da der Regen aufgehört hat lass ich ihn durch die Terrassentür in den Garten und der Hund folgt kurz um sein Geschäft zu erledigen und sich danach direkt wieder in sein Körbchen zu legen und weiterzuschlafen.
Ich schaue noch ein bisschen dem Kater nach, der langsam im Garten unter den Büschen verschwindet.
Dann höre Ihn noch in der Ruhe diese Sonntagmorgen, leise das Lied von der Fähigkeit, sich zu verändern -singen.
Und auch da muss ich Ihm zustimmen.
Ja, es ist schon ein verdammtes Glück einen sprechenden, singenden Kater zu haben.
Ich weiß auch nicht wirklich, ob er den Text und die Melodie zu diesem Lied selber geschrieben hat?
Aber sicherlich gehört zu einem erfüllten und echtem großen Leben dazu, dass man Werden und Vergehen begreift und das Leben ein ständiger Prozess von Änderungen und Selbstveränderungen ist.
Was wäre schon ein großes Leben wenn jahrelang immer und immer nur das gleiche passiert?
Gefangen in der Routine?
Immer passiv oder opportun.
Grausam.
Dann doch lieber aktiv.
Und dazu gehören wie zu dem Leben meines Katers auch ab und zu eine durchgemachte Nächte.
OK.
Der Kater macht fast jede Nacht durch, als ob er nur noch dieses eine Leben hätte.
Mann kann es nicht wissen und wie viel Leben er noch in Petto hat, ist ihm auch ziemlich egal.
Er lebt halt dieses eine Leben, als ob er nur noch dieses eine Leben hat.
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